Lineup 2012

In Extremo

Husarenstück könnte man nennen, was In Extremo da gelungen ist. Von trüb staubigen Plätzen mittelalterlicher Märkte auf hell erleuchtete Bühnen der renommiertesten Rockfestivals; von unbekannten Spielleuten zu gefragten Stars; von der Sideshow zum Headliner, diesen Sprung haben einzig und allein In Extremo geschafft. Mitte der 1990er zogen zahllose Dudelsackkapellen durch die Lande, die neben Schwerterkämpfern, Flickschustern, Quacksalbern und Metbuden auf Mittelaltermärkten für musikalische Untermalung sorgten. Warum haben es nur In Extremo fertig gebracht, Nummer-Eins-Alben in die Charts zu bringen sowie Gold- und Platinscheiben zu erringen? Die Antwort hat drei Teile: 1) weil das Septett anders klingt als alle anderen; 2) weil es sich stetig weiter entwickelt hat; 3) weil es das gewisse Extra hat, für das es keine Formel gibt.

Das Charisma der glorreichen Sieben zeigte zum Beispiel ihr zehntes Studioalbum „Sterneneisen“ von 2011. Angetrieben vom neuen Schlagzeuger Specki T.D. strotzen die Songs nur so vor rhythmischer Energie und vielschichtigen Melodien. In enger Gemeinschaftsarbeit hatte der verschworene Haufen strahlende Hymnen verschiedener Härtegrade zusammengeschweißt. Nachdem auch dieser Wurf ganz oben in den Charts gelandet war, ging es auf die Straße, um allein 2011 neunzig Konzerte zu spielen. Schon nach den ersten Aufwärmgigs für Band und Crew galt es, eine neue DVD zu filmen. Am 29. April 2011 rückten Kameraleute, Tontechniker, Bildmischer und Regisseur an, um in der Siegerlandhalle von Siegen die „Sterneneisen“-Tour für die Nachwelt festzuhalten. Es war zu erwarten, dass die In-Ex-Fans ihre Favoriten wie „Herr Mannelig“, „Frei zu sein“ und „Küss mich“ freudetrunken feiern würden. Weniger selbstverständlich war dagegen, dass die überraschend jungen Anhänger auch die taufrischen Nummern bejubeln würden. Neue Titel wie „Zigeunerskat“, „Siehst Du das Licht“ und „Viva La Vida“ entfachten Jubelstürme in der Halle. Die Barden auf der Bühne gaben alles, um die Stimmung anzuheizen, von Balletteinlagen der Dudelsackbläser, detonierenden Pyros und hochschießenden Flammenfontänen bis zu goldenem Konfetti-Regen zogen In Extremo alle Register moderner Rock-Unterhaltung.

„Wir sind als Band dichter zusammen gewachsen“, freut sich Kay Lutter, Bassist und Organisator der Band. „Natürlich hat uns auch der Einstieg von Specki einen Schub gegeben. Für mich bilden unsere letzten drei Alben „Mein Rasend Herz“, „Sängerkrieg“ und „Sterneneisen“ eine Trilogie. Vorher waren wir eine Coverband mittelalterlicher Melodien, mit der Trilogie haben wir uns zu einer echten Rockband entwickelt, die eigene Melodien und Texte verfasst.“ Die Setlist einer In-Extremo-Tour kommt auf originelle Art und Weise zustande. „Unser Sänger Micha Rhein darf fünfzig Prozent der Songs auswählen, er muss sie schließlich singen und sich dabei wohlfühlen. Dazu suchen unser Gitarrist Basti Lange und Trommler Specki weitere Titel aus, um das Konzert abzurunden“, so Kay. Saitenmann Lange kümmerte sich auch um den Schnitt der DVD. Für „Sterneneisen live“ sorgte er dafür, dass einige Passagen in geschmackvolle Blautöne getaucht wurden.

Neben der feurigen Show in Siegen zeigt die neue DVD den Auftritt der Himmelsstürmer bei Rock am Ring 2011, mit dem sie für einen furiosen Festivalschluss sorgten. Pünktlich zum Konzert hörte es auf zu regnen und die Band ließ einen Ohrwurm nach dem anderen von der Kette. Dazu krachte, loderte und leuchtete es an allen Ecken der Bühne, so dass den Fans Augen und Ohren übergingen. Zu den weiteren Bonus-Materialien der DVD zählt ein Bericht von ihrem Karibik-Abenteuer „70.000 Tons Of Metal“. „Wir haben zwei Gigs an Bord des Kreuzfahrtschiffs „Majesty Of The Seas“ gespielt. Da wir beim ersten Auftritt sehr gut ankamen, haben uns die Veranstalter für den zweiten Gig als Headliner engagiert“, berichtet Kay Lutter zufrieden. „Das war bei unseren Auftritten im „Metal-Mekka“ Wacken nicht anders. Nach all den Ballerbands kommen wir und spielen Melodien, eine Erholung für strapazierte Nerven.“ Einmal mehr zeigte sich, In Extremo sind die Prise Salz im Kuchen, das Sahnehäubchen auf der Torte, das Tüpfelchen auf dem i eines jeden Festivals. Vollendet wird der neue Bildtonträger durch Aufnahmen ihres anschließenden Auftritts in Mexiko vor tausenden entfesselter Latino-Fans.

Ein weiterer Leckerbissen für In-Ex-Sympathisanten ist ihre druckfrische Bandbiografie „In Extremo – Wir werden niemals knien“, erschienen im Riva Verlag. Hier ist schwarz auf weiß nachzulesen wie es Micha, Kay, Basti, Pymonte, Marco, Boris und Specki gelungen ist, gefeierte Rockstars zu werden. Ihr Buch schildert, mit welchen Schwierigkeiten Rockmusiker in der vergangenen DDR zu kämpfen hatten, wie es auf wuseligen Mittelaltermärkten zuging, wie Frontmann Micha als lebende Fackel auf der Bühne brannte und welche Steine die Kapelle aus dem Weg räumen musste, um ihren Aufstieg zu beginnen. Kurz gesagt, es ist die einmalige Story eines erstaunlichen Husarenstücks.